
Hafer ist seit Jahrhunderten ein wichtiges Nahrungs- und Heilgetreide. In der traditionellen Pflanzenheilkunde gilt er als „Nerven-Tonikum“. Unsere heute verwendeten Hafersorten gehören zur Art Avena sativa L. und stammen von Wildgräsern ab. Im Unterschied zu anderen Getreidearten, bildet Hafer statt Ähren Rispen aus.
Hafer ist einjährig und bildet ein bläulich bis hellgrün gefärbtes, etwa 1,5 Meter hohes Gras. Die Halme sind glatt und hohl, die Blätter lang, schmal und zweizeilig am Stängel angeordnet. Auffällig ist die lockere, verzweigte Blütenrispe, bei der die einzelnen Ährchen seitlich herabhängen. Aus ihnen entwickeln sich die von Spelzen umgebenen Haferkörner.
Hafer wird vor allem in den gemäßigten Klimazonen angebaut, insbesondere in Europa, aber auch in Nordamerika, Asien und Australien. Er gedeiht am besten auf eher kühlen, feuchten Standorten mit leichten bis mittelschweren Böden.
Aus dem Kraut werden die Arzneidroge (Avenae herba) und die homöopathische Urtinktur gewonnen, die traditionell als nervenstärkend, ausgleichend und schlaffördernd gelten.
|
|
Avena sativa |
|
Familie: |
Süßgräser (Poaceae/Gramineae) |
|
Unterfamilie: |
Pooideae |
|
Gattung |
Avena (Hafer) |
|
Synonyme/Trivialnamen: |
Avena cinerea, A. dispermis, A. orientalis u.v.a./ Biwen, Gemeiner Hafer, Habern, Hauwe, Rispenhafer, Saathafer |
Aus den zur Blütezeit geernteten frischen oberirdischen Teilen von Avena sativa L. wird gemäß den Angaben im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) eine Urtinktur und daraus schließlich die weiteren Verdünnungen und Darreichungsformen, wie Tropfen oder Globuli, hergestellt.
In der Homöopathie wird Avena sativa vor allem bei nervöser Erschöpfung und Schlafstörungen eingesetzt, häufig auch in Kombination mit anderen beruhigenden Arzneipflanzen wie Passionsblume (Passiflora incarnata), Baldrian (Valeriana officinalis), Hopfen (Humulus lupulus) und/oder Coffea.
Ein „Avena‑Zustand“ ist kein klassisches Konstitutionsbild wie bei den großen Polychresten, sondern ein aktuelles, indikationsbezogenes Beschwerdebild mit einem klaren Schwerpunkt: das erschöpfte Nervensystem.
In der homöopathischen Fachliteratur wird Avena sativa als Mittel mit selektiver Wirkung auf Gehirn und Nerven beschrieben: nervenstärkend, tonisierend, aufbauend nach Erschöpfung und schlaffördernd.
Typische Einsatzbereiche sind körperliche und geistige Abgeschlagenheit nach anstrengenden oder langwierigen Erkrankungen, nervöses Zittern, brennende oder drückende Kopfschmerzen sowie innere Unruhe mit Schlaflosigkeit und Grübelneigung.
Charakteristisch ist das Gefühl „Ich kann nicht mehr“ nach längeren Stressphasen, Überforderung, Leistungsdruck oder emotionalen Krisen. Die Betroffenen schlafen schlecht, weil „im Kopf das Kino weiterläuft“, wachen wie gerädert auf und schwanken zwischen Übermüdung und innerer Übererregung. Hinzu kommen Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, schnelle geistige Ermüdung, Kopf- und Nervenschmerzen, allgemeine Schwäche und eine niedergeschlagene, ausgebrannte Grundstimmung.
Was sind Polychreste? |
|
Griech. poly = viel und chrestos = brauchbar/nützlich Polychreste sind in der Homöopathie Mittel mit einem besonders breiten Anwendungsspektrum. Sie gelten als „große Mittel“, weil sie häufig tiefgreifend konstitutionell eingesetzt werden. Polychreste sind bspw. Sulphur, Nux vomica, Lycopodium und Natrium muriaticum. |
Bereits die Römer kultivierten den Hafer und verliehen ihm den klangvollen Namen „Avena“. Zwar ist die genaue etymologische Herkunft der Begriffe „Avena“ und „Hafer“ bis heute nicht restlos entschlüsselt, doch existiert eine Verbindung zum altindischen Sanskritwort für „Schaf“.
Zudem wiesen die Gebrüder Grimm darauf hin, dass der Terminus „Hafer“ in nahezu allen europäischen Sprachen semantisch eng mit dem „Bock“ assoziiert wird. Dies rührt höchstwahrscheinlich daher, dass der Hafer in früheren Zeiten als bevorzugtes Futtermittel für diese Tiere diente, was ihm letztlich die treffende historische Bezeichnung „Bockskorn“ einbrachte. Der Haferanbau lässt sich in Mitteleuropa bis in die Bronzezeit (ca. 2200 bis 800 v. Chr.) zurückverfolgen. Im Ackerbau gilt Hafer seit jeher als „Gesundungsfrucht“: In getreidereichen Fruchtfolgen hilft er, die wiederholte Ansteckung und Vermehrung bodenlebender Krankheitserreger zu stoppen oder zumindest deutlich zu verringern.
Auch in der Heilkunde hat Hafer eine lange Tradition. In der Klostermedizin des Mittelalters und der Frühen Neuzeit empfehlen beispielsweise Hildegard von Bingen und Paracelsus Hafer als ausgezeichnetes, kräftigendes Nahrungsmittel. Leonhart Fuchs, einer der Väter der Botanik, schreibt in seinem „New Kreüterbuch“ von 1543, dass Hafer die Wundheilung fördere. Über viele Jahrhunderte war Hafer in Deutschland ein wichtiges Grundnahrungsmittel und diente gelegentlich sogar als Basis für Bier. Erst mit der Einführung der Kartoffel nach Europa gegen Ende des 16. Jahrhunderts verlor er nach und nach an Bedeutung.
Seit einigen Jahren erlebt Hafer ein Comeback: als bekömmliches, ernährungsphysiologisch hochwertiges Lifestyle-Produkt in veganen Joghurtalternativen, Haferflocken, Hafermehl, Haferdrinks und vielen weiteren modernen Erzeugnissen.
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt Hafer sogar zur Durchbrechung einer Insulinresistenz, um den Stoffwechsel zu entlasten. Die Wirksamkeit von Haferkleie und Hafer-Beta-Glucan auf den Blutglukosespiegel gilt als wissenschaftlich belegt. Hafer ist somit nicht nur eine „Gesundungsfrucht“ für den Ackerboden, sondern auch für uns Menschen: Neben seiner Rolle in der Ernährung wird er als spagyrisch aufbereitetes Mittel, als Phytotherapeutikum und als Homöopathikum eingesetzt.
Die homöopathische Kommission „KommD“ formuliert für Avena folgende Anwendungsgebiete, die dem homöopathischen Arzneimittelbild von Avena sativa entsprechen:
Dazu gehören bspw.: